Ditib und Schura: Vorwürfe des Kultusministeriums sind falsch

Osnabrück. Die niedersächsischen Islamverbände Ditib und Schura widersprechen der Landesregierung, die sich beim Thema Islamunterricht über Kritik der Verbände hinwegesetzt hatte. Ditib und Schura wehren sich gegen den Eindruck, demokratiefeindlich zu sein. Die Grünen kündigen an, den Vorgang nicht auf sich beruhen lassen zu wollen.

Das sorgte für Aufsehen: Die niedersächsischen Landesregierung hatte gestern mitgeteilt, dass der umstrittene neue Lehrplan für den Islamunterricht unabhängig von Bedenken der Islamverbände in den Landtag eingebracht werden solle.  

Recep Bilgen vom Islamverband Schura, der nach eigenen Angaben rund 90 Moscheen in Niedersachsen vertritt, bedauerte diese Entscheidung. Der Beirat versuche seit zwei Jahren einen Kompromiss zu finden. „Der Kontakt zu dem Ministerium hat sich immer wieder schwierig gestaltet.“ Der Schura-Vorsitzende kritisierte: „Anstatt konstruktiv an einer Lösung zu arbeiten und die Position des Beirats verstehen zu wollen, wurde darauf bestanden, dass dem Curriculum in der aktuellen Version zugestimmt wird, ohne auf die Einwände des Beirats einzugehen.“

Die Erklärung des Ministeriums, dass es keine Einigkeit bei Punkten wie Demokratie und Gleichberechtigung gegeben habe, weist Bilgen zurück: Die islamischen Religionsgemeinschaften wie auch der Beirat stünden ausdrücklich zu den demokratischen Werten und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. „Toleranz und das Einstehen gegen jegliche Art von Diskriminierung sind für uns eine Selbstverständlichkeit“, schloss Bilgen. Der Schura-Vorsitzende bot an, die Gespräche fortzuführen und appellierte an die Verantwortlichen, „an die gute Zusammenarbeit der letzten Jahre anzuknüpfen und gemeinsam eine Lösung zu finden.“

Auch der türkisch-deutsche Islamverband Ditib zeigt sich überrascht von der Entscheidung des Ministeriums. Man habe sich im Beirat stets für die Weiterentwicklung des Religionsunterrichtes eingesetzt, erklärte Emine Oguz, Ditib-Geschäftsführerin. „Das möchten wir auch gerne weiter tun.“ Oguz stellte fest, dass Ditib die demokratische Grundordnung, das Grundgesetz und das Landesrecht genauso respektiere wie die Mehrheitsgesellschaft auch. "Genauso sieht es aus bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau.“ Seit Bestehen habe sich Ditib gegen Diskriminierung eingesetzt. „Es ist falsch, wenn behauptet wird, dass der Beirat diese Werte kritisiert hat.“ Die Ditib-Vertreterin kritisierte, dass von Muslimen immer ein fünffaches Lippenbekenntnis verlangt werde. Bei anderen Lehrplänen werde das nicht verlangt. Gleiches gelte für den Verweis auf sexuelle Vielfalt: „Es ist selbstverständlich für uns, dass Menschen, egal welche sexuelle Orientierung sie haben, nicht diskriminiert werden sollen. Jeder Mensch hat die freie Wahl, darüber zu entscheiden, ob er Mann, Frau oder beides liebt oder ist.“ Der entsprechende Passus stehe jedoch nicht im Schulgesetz oder in anderen Lehrplänen für Religionsunterricht an Grundschulen. Oguz teilte mit: „Wir sehen uns als vollwertigen Teil dieser Gesellschaft und so wollen wir auch behandelt werden.“ 

Auch die Grünen kritisieren das Vorgehen der Landesregierung. Man dürfe den muslimischen Verbänden nicht pauschal Ablehnung oder Skepsis gesellschaftlicher Werte zusprechen, erklärte Julia Hamburg, kultuspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. „Damit hat die Landesregierung in der Vergangenheit viel Porzellan zerbrochen und sollte diesen Fehler nicht wiederholen.“ Der Gesprächsfaden dürfe nicht abreißen. „Außerdem muss die Landesregierung die Frage beantworten, was für eine Rolle der Beirat künftig spielen soll“, forderte Hamburg. „Sie schiebt ihn derzeit in allen Bereichen ins Abseits - das ist kein adäquater Umgang.“ Hamburg kündigte an, dazu eine Unterrichtung zu beantragen.

Quelle: https://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/1656781/ditib-und-schura-vorwuerfe-des-kultusministeriums-sind-falsch