Debatte über islamischen Wohlfahrtsverband

Podiumsdiskussion mit (von links) Michael Kiefer (Institut für Islamische Theologie), Avni Altiner (Schura Niedersachsen) und Rauf Ceylan (Professor für Religionssoziologie an der Universität Osnabrück). Foto: Swaantje Hehmann
Podiumsdiskussion mit (von links) Michael Kiefer (Institut für Islamische Theologie), Avni Altiner (Schura Niedersachsen) und Rauf Ceylan (Professor für Religionssoziologie an der Universität Osnabrück). Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrücker Zeitung vom 27.06.2014


Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Deutschland ist Zuwanderungsland, mittlerweile seit Jahrzehnten. Dies spiegelt sich nicht in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichermaßen wider. Der Bereich der freien Wohlfahrtspflege beispielsweise repräsentiere die Migrationsgesellschaft nur unzureichend, begründen Vertreter muslimischer Organisationen Forderungen nach einem islamischen Wohlfahrtsverband.


Dessen mögliche Grundlagen diskutierten jetzt Experten am Institut für Islamische Theologie (IIT) der Universität. Auf die Relevanz des Themas wies Moderator Michael Kiefer (IIT) einleitend hin: So war die Schaffung professioneller, muslimisch orientierter Strukturen in Seelsorge oder Pflege bereits Thema der Berliner Islamkonferenz im März dieses Jahres. Von einem entsprechenden Bedarf sprach Avni Altiner (Schua Niedersachsen): Derzeit seien knapp 6,2 Prozent der Bevölkerung Niedersachsens Muslime. Die Zahl muslimischer Altenheimbewohner dürfte in den nächsten zehn Jahren bundesweit auf rund 500000 steigen.


Um religiösen Bedürfnissen und kulturellen Eigenheiten gerecht zu werden, bedürfe es im Bereich der Wohlfahrtsverbände der Etablierung eines islamischen Trägers. Ansätze dafür bestünden bereits in karitativen Angeboten verschiedener Moschee-Gemeinden. Erste Modellprojekte muslimischer Pflegedienste existierten, ebenso muslimische Kindergärten. „Von Verbandsstrukturen ist das alles aber noch weit entfernt“, erklärte Kiefer.


Rauf Ceylan wies darauf hin, dass es den einzelnen muslimischen Initiativen derzeit noch an Erfahrungen zur Ausbildung übergeordneter Strukturen fehle. Der Osnabrücker Professor für Religionssoziologie erklärte, auf den Bedarf an muslimischer Wohlfahrt würde punktuell bereits reagiert. „Allerdings müssen einzelne Akteure sich in einer historisch gewachsenen Strukturlandschaft zurecht finden und zunächst entsprechendes Know-how entwickeln.“

Im Bereich der Sozialen Arbeit oder des Gesundheitswesens würden längst professionelle Akteure ausgebildet. Deren Verknüpfung mit ehrenamtlicher Arbeit auf Ebene der Moschee-Gemeinden könne mittelfristig die Grundlage eines künftigen Wohlfahrtsverbandes bilden. „Das braucht aber Zeit. Niemand kann sofort eine Expertise verlangen, für deren Aufbau andere Träger teils 150 Jahre Zeit hatten“, warb Altiner um Geduld.


Dessen konkrete Ausgestaltung, machte Pieper klar, müssten muslimische Akteure intern klären. Allerdings könne auch der Staat seinen Teil zu einer erfolgreichen Realisierung leisten: Normative Sicherheit könnte beispielsweise die Aufnahme islamischer Wohlfahrtspflege in einen Staatsvertrag liefern, zudem sei da noch der Faktor finanzieller Hilfe: „Irgendwann wird es auch ums Geld gehen“, so Pieper.


Quelle: Osnabrücker Zeitung